Die Französische Bulldogge steht seit Jahren im Zentrum einer intensiven veterinärmedizinischen und tierschutzrechtlichen Debatte. Traditionelle Zuchtlinien, die auf extreme Brachycephalie, verkürzte Wirbelsäulen und eingeschränkte Atemwege setzen, werden zunehmend als Qualzucht kritisiert. Als Reaktion darauf hat sich in Deutschland, Österreich und weiteren europäischen Ländern eine Bewegung von Züchtern etabliert, die unter Bezeichnungen wie „Retro Bully“, „Neo French Bulldog“ oder „Moderner Frenchie“ agieren. Diese Züchter verfolgen ein klares, gesundheitsorientiertes Ziel: Sie trennen sich von den extremen morphologischen Merkmalen des historischen Rassestandards und zielen auf Tiere mit freier Atmung, längeren Nasen, gesunden Rücken und voller Lebensqualität. Der folgende Artikel analysiert die spezifischen Ansätze, genetischen Kriterien und Zuchtphilosophien führender Züchter dieser Bewegung, darunter Bullies del Sol, Bullys von Marienbrunn, Modern Frenchie, Redbounty Hunters und Bullsnroses.
Die gesundheitsorientierte Philosophie und gesetzliche Grundlagen
Im Kern aller hier untersuchten Zuchtbetriebe liegt die Erkenntnis, dass die klassische Französische Bulldogge aufgrund ihrer extremen Merkmale oft unter erheblichem Leid leidet. Züchter wie die Betreiber von „Bullys von Marienbrunn“ oder „Redbounty Hunters“ haben sich daher entschieden, gegen die traditionelle Ausrichtung zu arbeiten. Das Ziel ist nicht die Erhaltung eines ästhetischen Extremes, sondern die Rückführung der Bulldogge in einen Zustand ursprünglicher Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Dies äußert sich in der Zucht von Tieren, die frei atmend sind, einen kräftigen, sportlichen Körperbau aufweisen und keine der mit der klassischen Zucht verbundenen gesundheitlichen Einschränkungen besitzen.
Ein entscheidender Aspekt dieser ethischen Zuchtpraxis ist die strikte Einhaltung und sogar Übererfüllung der gesetzlichen Rahmenbedingungen. In Deutschland ist die kommerzielle Zucht und der Verkauf von Tieren mit bestimmten Merkmalen, die die Lebensqualität erheblich einschränken, gemäß § 11 des Tierschutzgesetzes (TierSchG) verboten. Züchter wie „Bullies del Sol“ betonen explizit, dass sie nach Paragraph 11 des Tierschutzgesetzes züchten. „Bullys von Marienbrunn“ in Leipzig bestätigen, dass ihre Zucht geprüft und genehmigt nach § 11 Abs. 1 Nr. 8a des TierSchG durch das Veterinäramt der Stadt Leipzig ist. Diese behördliche Anerkennung ist kein bloßes Formalium, sondern ein Indikator dafür, dass die Zuchtstätten den staatlichen Auflagen für die Zucht von Hunden mit besonderen Merkmalen entsprechen. In Österreich, wo „Modern Frenchie“ tätig ist, wird der Fokus ebenfalls auf die Verantwortung gelegt, zuchtbedingtes Leiden aktiv entgegenzuwirken.
Morphologische Ziele: Vom Brachycephalen zum Retro-Typ
Die physischen Unterschiede zwischen der klassischen französischen Bulldogge und den Tieren aus diesen spezialisierten Zuchten sind markant und definieren die Begriffe „Retro“ oder „Neo“. Es geht nicht um eine neue Rasse im Sinne eines reinrassigen Clubs, sondern um eine gezielte Selektion von Merkmalen, die die Funktionalität des Tieres wiederherstellen.
- Atmung und Kopfknochen: Ein zentrales Kriterium ist die freie Atmung. Züchter wie „Bullies del Sol“ und „Modern Frenchie“ zielen auf Hunde mit längerem Fang und gut geöffneten Nasenlöchern. Bei „Redbounty Hunters“ wird dies durch die Zucht mit Hunden erreicht, die das AC-GG-Gen besitzen, welches von Natur aus für eine längere Nasenpartie sorgt. Dies ist ein direkter Schritt weg von der Brachycephalie.
- Rücken und Wirbelsäule: Der klassische Frenchie ist chondrodystroph (zwerghafte Wirbelsäule), was zu einem kurzen, klobigen Rumpf und einem hohen Risiko für Bandscheibenvorfälle führt. „Redbounty Hunters“ legen besonderen Wert auf chondrodystrophiefreie Linien. „Bullsnroses“ beschreiben ihre „Neo French Bulldogs“ als Hunde mit einem langen, gesunden Rücken, der in einer vollen Rute endet. Auch „Modern Frenchie“ betont einen harmonisch proportionierten, längeren Rumpf.
- Läufe und Beweglichkeit: Abgesehen von Kopf und Rücken wird auf funktionale Anatomie geachtet. „Bullsnroses“ und „Modern Frenchie“ streben ausreichend lange und belastbare Vorder- und Hinterläufe an. Dies ermöglicht den Hunden eine agile Bewegung und ein aktives Leben, das bei den klassischen, oft krüppelhaften Exemplaren nicht möglich ist.
- Rute: Im Gegensatz zum traditionellen „Spiral-“ oder „Schraubenruten“-Standard, der oft auf Wirbelsäulendeformitäten (Keilwirbel) beruht, wird in diesen Zuchten eine bewegliche, volle Rute als Merkmal eines gesunden Rückens gesehen.
Genetische Screening und medizinische Untersuchungen
Die Garantie für die genannten morphologischen Verbesserungen liegt in der rigorosen genetischen und medizinischen Untersuchung der Elterntiere. Diese Züchter operieren nicht auf Basis von Optik allein, sondern auf Basis von Daten und diagnostischen Ergebnissen.
- Umfangreiche Diagnostik: Bei „Bullies del Sol“ sind die Zuchthündinnen komplett untersucht und ausgewertet. „Bullys von Marienbrunn“ führen intensive körperliche sowie genetische Untersuchungen durch. „Redbounty Hunters“ gehen sogar einen Schritt weiter: Jeder Hund wird komplett geröntgt und erhält einen Herzultraschall beim Kardiologen. Nur Hunde mit mindestens A-Hüften werden in die Zucht aufgenommen.
- Freiheit von Wirbelsäulenanomalien: Ein kritisches Merkmal der klassischen Frenchie ist die Häufigkeit von Keilwirbeln und anderen Wirbelsäulenanomalien. „Redbounty Hunters“ stellen sicher, dass ihre Nachzuchten frei von Keilwirbeln und Wirbelsäulenanomalien sind. Sie berichten, dass selbst im hohen Alter keine Verkalkungen oder Einschränkungen auftreten.
- Genetische Marker: Die Nutzung spezifischer Genetische Marker wie das AC-GG-Gen (bei Redbounty Hunters) für die Nasenlänge ist ein technisches Instrument, um die gewünschte Morphologie zu sichern. Dies zeigt, dass die Zucht auf wissenschaftlicher Basis erfolgt, um die Vererbung gesunder Merkmale zu maximieren.
Sozialisierung und familiäre Aufzucht
Neben der physischen Gesundheit ist das psychische Wohlbefinden und das Verhalten der Welpen ein entscheidender Faktor dieser Zuchtstätten. Alle genannten Züchter betonen die familiäre Integration der Hunde und Welpen.
- Integrierte Familienerziehung: Bei „Bullies del Sol“ wachsen die Hunde im familiären Umfeld auf und lernen verschiedene Umwelteinflüsse, andere Hunde, Tiere und Kinder kennen. „Bullys von Marienbrunn“ betrachten ihre Bullys als vollwertige Familienmitglieder.
- Einbindung von Kindern: „Modern Frenchie“ beschreibt eine zentrale Praxis: die aktive und verantwortungsvolle Einbindung der eigenen Kinder in die tägliche Betreuung der Welpen. Dies gewöhnt die Welpen frühzeitig an den Umgang mit Kindern und fördert eine stabile Mensch-Hund-Bindung sowie Gelassenheit im Alltag.
- Umfassende Sozialisierung: Die Welpen werden behutsam, strukturiert und altersgerecht an alltägliche Umweltreize herangeführt. Das Ziel ist die Erziehung von wesensfesten, ausgeglichenen und familienfreundlichen Hunden, die sich souverän in ihr neues Zuhause einfügen können. „Bullys von Marienbrunn“ bieten zudem eine lebenslange Begleitung und professionelle Beratung, was die langfristige Verantwortung der Züchter unterstreicht.
Farbvariationen und Abgrenzung zu „Qualzucht-Farben“
Die Frage der Farbe ist in der Frenchie-Zucht kontrovers. Während einige Züchter sich auf natürliche Farben konzentrieren, betreiben andere die Zucht seltener oder seltener auftretender Farbschläge. Es ist jedoch wichtig, die Unterschiede in der ethischen Herangehensweise zu verstehen.
- Natürliche Farben und Standardorientierung: „Modern Frenchie“ legt Priorität auf die Verbesserung des Rassestandards im Sinne der Gesundheit, nicht auf Farben. Sie züchten in natürlichen Farben. „Bullsnroses“ verwenden den Begriff „Neo French Bulldog“ als gedankliche Trennung von der klassischen, oft krankhaften Rasse.
- Sonderfarben bei Gesundheit: „Bullys von Marienbrunn“ in Leipzig haben sich auf Sonderfarben spezialisiert, darunter Blue, Blue Tan, Isabella, Creme, New Shade, Merle Tan und Lilac Tan. Dabei wird betont, dass diese Zucht auf sportliche, gesunde und freiatmende Hunde abzielt. Es ist hier entscheidend zu beachten, dass die Zuchtstätte sich von ungesunden Fehlfarben distanziert, wobei „Redbounty Hunters“ explizit von Züchtungen wie Merle und anderen ungesunden Fehlfarben bei der FB oder Retrobullies distanziert. Dies zeigt eine Spaltung innerhalb der Retro-Szene: Einige integrieren Merle-Farben (wie Marienbrunn), während andere (wie Redbounty) diese aufgrund bekannter gesundheitlicher Risiken (insbesondere bei der Französischen Bulldogge) als ungesund ablehnen. „Bullies del Sol“ züchtet Retro Bulldogen und Frenchtons, wobei der Fokus ebenfalls auf Gesundheit durch verantwortungsvolles Cross-breed liegt.
Kommerzielle vs. Liebhaberzucht und langfristige Verantwortung
Ein weiterer Unterschied zu massenkommerziellen Welpenproduzenten ist die Struktur der Zucht. „Modern Frenchie“ beschreibt sich als Liebhaberzucht, die nicht kommerziell agiert und in der Regel nur einen durchdachten Wurf pro Jahr plant. Dies ermöglicht eine intensive Betreuung und Vermeidung von Überzucht. „Bullys von Marienbrunn“ planen zwar Würfe übers ganze Jahr verteilt, betonen aber die seriöse Familienzucht und die langjährige Erfahrung (über 30 Jahre Zuchttradition in der Familie). „Redbounty Hunters“ betonen, dass Zucht mehr ist als nur Welpenaufzucht, und sehen sich in der Verantwortung für die genetische Verbesserung der Population.
Fazit
Die Bewegung der Retro-French-Züchter in Deutschland und Österreich stellt eine signifikante Abkehr von den traditionellen, gesundheitsschädlichen Zuchtstandards der Französischen Bulldogge dar. Durch die Kombination von strikter Einhaltung des Tierschutzgesetzes (§ 11 TierSchG), umfassenden medizinischen Screenings (Herz, Röntgen, Hüfte), gezielten genetischen Selektionen (AC-GG-Gen, chondrodystrophiefreie Linien) und intensiver familiärer Sozialisierung, schaffen Züchter wie Bullies del Sol, Bullys von Marienbrunn, Modern Frenchie, Redbounty Hunters und Bullsnroses Hunde, die die Lebensqualität des Tieres in den Vordergrund stellen. Die Resultate sind Hunde mit freier Atmung, gesunden Wirbelsäulen, vollen Ruten und einem ausgeglichenen Wesen. Ob man sich für natürliche Farben oder bestimmte Sonderfarben entscheidet, bleibt eine individuelle Wahl des Käufers, doch der gemeinsame Nenner aller dieser seriösen Züchter ist der Verzicht auf Qualzuchtmerkmale zugunsten von Gesundheit und Funktionalität. Diese Ansätze demonstrieren, dass Zucht Verantwortung bedeutet, die über die Geburt der Welpen hinausgeht und sich in der langfristischen Gesundheit und dem Wohlbefinden der Tiere widerspiegelt.