Havaneser im Sommer: Warum die Sommerschur ein Irrglaube ist und wie Fellpflege, Hitzeprävention und Gesundheitsvorsorge wirklich funktionieren

Der Frühling bringt oft mit sich das Bild des obligatorischen Hundefriseur-Besuchs, bei dem der Vierbeiner eine „Sommerschur" oder einen „Sommerschnitt" erhält. Die Motivation dahinter ist meist die Angst vor Hitzebelastung: Man möchte dem Hund den Ballast an Haaren abnehmen, damit er die warmen Monate erträglicher übersteht. Bei Rassen mit Unterwolle ist es längst bekannt, dass eine Schur das Haarkleid nachhaltig zerstört. Doch bei Rassen wie dem Havaneser, dem Malteser und ähnlichen Langhaarrassen wird die Schermaschine sehr gerne eingesetzt. Oft ist der ästhetische Aspekt ausschlaggebend, da vielen die kurzen Haare besser gefallen, oder es geht um die Reduzierung des Zeitaufwands für die Pflege. Was jedoch übersehen wird, ist, dass der eigentliche Feind der Hitze nicht das lange Haar selbst ist, sondern die Verfilzungen und Platten, die sich im Winter gebildet haben und nicht ordnungsgemäß entfernt wurden.

Ein häufiges Missverständnis besteht darin, dass der Hund sich mit kurzen Haaren wohler fühlt. In Wahrheit genießt der Hund nicht die Kürze des Haars, sondern die Befreiung vom unangenehmen Gefühl der Verfilzungen, die ziehen und schmerzen. Nicht das lange Haar lässt den Hund unter der Hitze leiden oder träge werden, sondern die wochenlang nur oberflächlich gebürsteten Haare mitsamt ihrer Verfilzungen. Ein gut gepflegter Havaneser benötigt keine radikale Schur. Das Ziel muss sein: Haare ohne Filz, ganzjährig. Ein Schnitt ist kein Muss für die Sommersaison, solange das Fell strukturiert und verfilzungsfrei bleibt.

Die Hitzebelastung für kleine Hunde wie den Havaneser ist ein kritisches Thema. Kleine Hunde überhitzen schneller aus mehreren Gründen: Sie laufen näher am heißen Boden, haben weniger Körpermasse, kompensieren Hitze schlechter und bleiben stark auf ihre Menschen fokussiert, was dazu führt, dass sie auch dann mitlaufen, wenn es ihnen bereits zu warm ist. Die Gefahr der Überhitzung ist real und kann schnell tödlich werden. Daher ist die Anpassung des Alltags, die richtige Fellpflege und das Verständnis für die physiologischen Grenzen des Hundes entscheidend für einen sicheren Sommer.

Die Anatomie des Havaneser-Fells und der Mythos der Schur

Um die Notwendigkeit einer Schur einzuordnen, muss man zunächst die Struktur des Fells verstehen. Havaneser gehören, genau wie die Polnischen Hütehunde (PONs), zu den Langhaarhunden. Laut dem FCI-Rassestandard besitzt der Havaneser ein langes und weiches Haarkleid mit wenig oder fehlender Unterwolle. In der Realität haben aber die meisten Havaneser deutlich mehr Unterwolle, die manchmal sogar überschießend sein kann. Im Gegensatz dazu haben PONs laut Rassestandard ein üppiges, harsches, halblanges oder langes Haar mit dichter Unterwolle.

Ein gut gepflegter, erwachsener Havaneser haart nur wenig. Dies ist ein entscheidender Vorteil der Rasse. Die Gefahr einer Sommerschur liegt darin, dass bei Langhaarrassen ohne dichte Unterwolle das Haarkleid durch das Schneiden des Deckhaars nachhaltig beschädigt werden kann. Wenn das Haar kurz geschoren wird, verliert es oft seine natürliche Struktur und Schutzfunktion. Das Fell dient nicht nur als Isolator gegen Kälte, sondern schützt auch vor der Sonne. Ein zu kurzes Fell kann zu Sonnenbrand führen, besonders an hellen oder kurz geschorenen Stellen.

Die häufigste Begründung für die Schur ist das Entfernen der Verfilzungen, die über die Wintermonate entstanden sind. Wenn ein Hund mit Verfilzungen, die ziehen und unangenehm sind, herumläuft, fühlt er sich unwohl. Wird das Fell jedoch regelmäßig und richtig gepflegt, entstehen diese Probleme gar nicht erst. Das Ziel der Pflege ist also nicht die Verkürzung des Haars, sondern die Aufrechterhaltung eines filzfreien Zustands.

Ein Vergleich der Fellstruktur und Pflegeanforderungen verdeutlicht die Unterschiede zwischen Rassen:

Merkmal Havaneser Polnischer Hütehund (PON)
Haartyp Langhaar, weich Langhaar, harsch
Unterwolle Standard: wenig oder fehlend; Realität: oft deutlich vorhanden Standard: dichte Unterwolle
Haarung Haart wenig (wenn gepflegt) Haart wenig (wenn gepflegt)
Pflegebedarf Je nach Textur täglich oder öfter Mindestens 1x pro Woche gründlich
Sommerempfehlung Kein Scheren, sondern Entfilzen Kein Scheren, sondern Entfilzen

Es ist wichtig zu betonen, dass ein Schnitt oder eine Schur kein MUST HAVE für die Sommersaison darstellen sollte. Es gibt sehr tolle Kurzhaarschnitte, die das Deckhaar zwar erhalten, aber wesentlich pflegeleichter sind. Bei der Auswahl der Frisur müssen der gesundheitliche Zustand, das Alter und der generelle Pflegezustand des Hundes berücksichtigt werden. Ein guter Züchter oder Tierarzt wird niemals eine radikale Schur empfehlen, wenn das Fell durch korrekte Pflege filzfrei gehalten werden kann.

Die richtige Fellpflege: Von der Grundreinigung bis zur Ohrhygiene

Die Pflege eines Havanesers erfordert Konsequenz und Motivation. Das Wichtigste ist das tägliche oder mehrmals wöchentliche Durchbürsten, um Verfilzungen zu verhindern. Havaneser benötigen je nach Haartextur oft eine tägliche Fellpflege. PONs müssen mindestens einmal pro Woche gründlich (bis auf die Haut) durchgekämmt werden. Ein gut gepflegter Hund haart nur wenig und fühlt sich wohler.

Die Körperpflege umfasst mehr als nur das Bürsten des Fells. Regelmäßige Zahn- und Ohrkontrollen sind essenziell. Eventueller Zahnstein sollte vom Profi entfernt werden. Ein kritischer Punkt bei der Pflege ist die Behandlung der Ohren. Hunde haben oft Haarbüschel, die aus dem Gehörgang wachsen. Diese sollten ausgezupft werden, damit eine gute Belüftung des Hängeohrs gewährleistet wird und sich im Gehörgang kein Filz bildet.

Die Methode der Haarentfernung ist entscheidend. Wer zum Haare auszupfen die Finger benutzt, sollte sie mit Babypuder bestäuben, weil die Haare fettig sind und sonst durch die Finger gleiten würden. Diese Methode ist jedoch recht zeitaufwändig, da man immer nur sehr wenige Haare erreicht. Etwas schneller geht es mit der Zupfzange, denn mit ihr bekommt man deutlich mehr Haare zu fassen, die man gleichzeitig auszupft.

Die Zupfzange ist vorne abgerundet und damit eine sichere Variante, um die Ohrhaare zu entfernen, ohne dass man dabei riskiert, den Gehörgang oder gar das Trommelfell zu verletzen. Darum sollte – vor allem wenn der Hund nicht ganz still hält – keinesfalls eine normale Pinzette verwendet werden. Zwar ist es auch mit der Zupfzange keine schmerzhafte Prozedur für den Hund, seine Ohren zu enthaaren, aber das gilt nur für die Haare, die im inneren Gehörgang wachsen. Die Haare des äußeren Gehörgangs sollten nicht ausgezupft werden, denn das ist für den Hund schmerzhaft.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Fellpflege ist der Bereich der Pfoten. Auch die Haare zwischen den Pfotenballen müssen regelmäßig kurz geschnitten werden. Hunde schwitzen außer über die Zunge über ihre Pfoten. Sind die Pfotenballen vom dicken Pelz befreit, ist das für den Hund im Sommer eine Erleichterung. Die richtige Pflege der Pfoten verhindert nicht nur Überhitzung, sondern verbessert auch den Komfort des Hundes bei heißen Böden.

Nach dem Zupfen der Ohrhaare sollten die Ohren des Havanesers mit einem milden, speziell für Hunde konzipierten Ohrreiniger gesäubert werden. Dies verhindert Entzündungen und sorgt für eine gesunde Ohrenumgebung. Die Pflege der Pfotenballen und Ohren ist Teil eines ganzheitlichen Ansatzes, der den Hund vor Hitze und Infektionen schützt.

Hitzeprävention: Temperaturmanagement und Bewegung im Sommer

Sommer bedeutet Sonne, lange Tage und mehr Zeit draußen. Für einen Havaneser bringt Hitze aber auch Risiken mit sich: überhitzte Wege, falsche Fellpflege, zu viel Bewegung zur falschen Zeit oder zu wenig Wasser. Kleine Hunde wie der Havaneser überhitzen schneller, da sie näher am heißen Boden laufen, weniger Körpermasse haben, Hitze schlechter kompensieren und stark auf ihre Menschen fokussiert bleiben.

Die Anpassung der Spazierzeiten ist der effektivste Schutz. Ein Temperatur-Guide hilft bei der Einschätzung der kritischen Grenzen:

Außentemperatur Einschätzung und Empfehlung
Bis 18 °C Unproblematisch, normale Aktivitäten
18–22 °C Normale Spaziergänge möglich
22–25 °C Kürzere Runden, Schatten bevorzugen
25–28 °C Nur früh oder spät rausgehen
Über 28 °C Nur sehr kurze Gänge
Über 30 °C Möglichst drinnen bleiben

Ein einfacher Test, um die Bodentemperatur zu prüfen, ist der Handrückentest: Legen Sie Ihren Handrücken für 5 Sekunden auf den Asphalt. Wird es unangenehm, ist es für die Pfoten zu heiß. Wenn es zu heiß ist, verlagern wir die Aktivität nach innen. Sinnvolle Beschäftigung bei Hitze umfasst Schnüffelspiele, Futterbeschäftigung, kurze Trainingseinheiten und ruhige Denkspiele.

Überhitzung kann schnell gefährlich werden. Warnzeichen sind starkes Hecheln, Müdigkeit oder Taumeln. Wenn diese Symptome auftreten, muss der Hund sofort gekühlt und versorgt werden. Wasser sollte jederzeit erreichbar sein. Hunde trinken im Sommer deutlich mehr. Es ist wichtig, dass Wasser immer verfügbar ist, da der Flüssigkeitsbedarf steigt.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach einer Kühlmatte. Eine Kühlmatte ist nicht zwingend notwendig, kann aber sehr hilfreich sein, um dem Hund bei Hitze Abkühlung zu ermöglichen. Auch die Frage, ob Havaneser schwimmen können, ist relevant. Viele können es, aber nicht jeder Hund mag Wasser. Nicht jeder Havaneser ist ein natürlicher Schwimmer, daher sollte das Wasser nicht zur Belastung werden.

Die Anpassung des Tempos ist entscheidend. Im Sommer bedeutet dies: früher starten, langsamer unterwegs sein und dem Hund mehr Entscheidung über Tempo und Pausen geben. Der Sommer mit Havaneser funktioniert problemlos, wenn ihr Tempo und Alltag angepasst werden. Früh rausgehen, Hitze ernst nehmen, Fell pflegen statt radikal scheren und genügend Ruhephasen einplanen, dann bleibt der Sommer entspannt.

Gesundheitsvorsorge und Welpenaufzucht

Die Grundlage für einen gesunden Hund liegt bereits in der Welpenzeit. Am besten gewöhnt man seinen Welpen an die regelmäßige Pflege. Welpenbesitzer, die glaubten, das später nachholen zu können, sehen sich oft mit Problemen konfrontiert, wenn der Hund erwachsen ist und das Fell nicht mehr pflegeleicht ist. Die Gewöhnung an das Bürsten, das Zupfen der Ohrhaare und das Schneiden der Krallen sollte früh beginnen.

Die Gesundheitsvorsorge umfasst neben der Fellpflege auch die Kontrolle der Zähne und Ohren. Eventueller Zahnstein sollte vom Profi entfernt werden, da Zahnkrankheiten die allgemeine Gesundheit beeinträchtigen können. Die Ohrhygiene, wie oben beschrieben, ist essenziell, um Infektionen zu verhindern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ernährung und Hydratation. Im Sommer benötigen Hunde mehr Wasser und oft eine angepasste Ernährung, um den erhöhten Energiebedarf bei Hitze zu decken, ohne überlastet zu werden. Die Fütterung sollte an die reduzierte Aktivität angepasst werden, um Übergewicht zu vermeiden, da Hunde im Sommer weniger aktiv sind.

Die Frage der Krallenschnitte ist ebenfalls Teil der Pflege. Meinen Hunden schneide ich auch regelmäßig die Krallen. Lange Krallen können beim Laufen auf Asphalt stören und zu Verletzungen führen. Das Schneiden der Krallen sollte Teil der wöchentlichen Routine sein.

Fazit

Der Sommer mit einem Havaneser ist eine Zeit, die Sorgfalt und Anpassung erfordert. Der weitverbreitete Glaube, dass eine Sommerschur notwendig sei, ist ein Irrtum. Das lange Haarkleid des Havanesers ist kein Hindernis für die Hitzebewältigung, solange es filzfrei und gepflegt ist. Die eigentliche Gefahr liegt nicht im Fell selbst, sondern in den Verfilzungen, die durch mangelnde Pflege entstehen.

Ein gesunder Sommer für den Havaneser basiert auf drei Säulen: 1. Richtige Fellpflege: Tägliches Bürsten, Entfernung von Ohrhaaren und Pfotenpflege statt Scheren. 2. Hitzeprävention: Anpassung der Spazierzeiten, Nutzung von Schatten, Bereitstellung von Wasser und Vermeidung von Überhitzung. 3. Gesundheitsvorsorge: Regelmäßige Zahn- und Ohrkontrollen, Krallenschnitte und die Gewöhnung von Welpen an die Pflege.

Sommer mit Havaneser bedeutet vor allem: früher starten, langsamer unterwegs sein und dem Hund mehr Entscheidung über Tempo und Pausen geben. Wenn man das Fell pflegt statt es radikal schneidet, die Hitze ernst nimmt und Ruhephasen einplant, bleibt der Sommer für Mensch und Hund entspannt. Die Anpassung ist der Schlüssel zu einem gesunden und glücklichen Leben im Sommer.

Quellen

  1. Warum Havaneser, Malteser und Co. keine Sommerschur brauchen
  2. Fellpflege beim Havaneser
  3. Havaneser im Sommer: Hitze, Fell, Bewegung, Abkühlung
  4. Fellpflege beim Havaneser - Ratgeber

Ähnliche Beiträge