Die Welt der Hunderassen birgt eine faszinierende Kategorie von Tieren, die sich durch ihre imposante Statur auszeichnen. Wenn von „sehr großen Hunderassen“ die Rede ist, bezieht sich dies auf Hunde, deren Schulterhöhe im Rassestandard bei über 70 cm liegt. Diese Kategorie umfasst eine Vielzahl von Tieren, die nicht nur in ihrer Größe beeindrucken, sondern auch durch einen oft überraschend sanften und ausgeglichenen Charakter bestechen. Sie sind die „sanften Riesen“ der Hundewelt, majestätische Tiere, die trotz ihrer stattlichen Dimensionen oft eine ruhige Aura ausstrahlen und tiefes Vertrauen zu ihren Besitzern aufbauen. Die Haltung dieser Hunde erfordert ein tiefes Verständnis für ihre spezifischen Bedürfnisse, sowohl im Bereich der Ernährung als auch in der Ausbildung, da ihre Größe nicht immer mit ihrer Wucht korreliert. Während einige dieser Rassen leichtgewichtig und windhundartig sind, zeichnen sich andere durch eine massive, schwere Knochung aus, wie es bei Molossern und Berghunden typisch ist.
Anatomie und Typologie der Giganten
Die Einteilung sehr großer Hunde in die Kategorie über 70 cm Schulterhöhe deckt eine breite Spanne von Körpertypen ab. Es ist entscheidend zu verstehen, dass Größe nicht automatisch mit extremem Gewicht gleichzusetzen ist. Die meisten dieser Rassen lassen sich in drei Hauptgruppen einteilen, wobei die morphologischen Unterschiede signifikant sind.
Zu den sehr großen Hunden gehören auch Windhunde, die zwar die erforderliche Schulterhöhe erreichen, jedoch einen schlankeren, leichtgewichtigem Bau aufweisen. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Afghanische Windhund. Mit einer Schulterhöhe von 63 bis 74 cm erreichen besonders große Rüden die Grenze von 70 cm, doch ihr Gewicht bewegt sich nur im Bereich von 20 bis 30 kg. Diese Tiere sind für ihre Geschwindigkeit bekannt und können zwischen 60 und 80 km/h erreichen. Im Gegensatz dazu stehen die Molosser, Berghunde und Herdenschutzhunde. Diese Rassen erreichen ebenfalls die 70 cm Marke, sind aber massiv gebaut und wesentlich schwerer.
Die Faszination dieser Rassen liegt in der Kombination aus physischer Präsenz und charaktrerlicher Tiefe. Eine Deutsche Dogge oder ein Irischer Wolfshund ziehen unweigerlich Blicke auf sich, doch hinter der äußeren Erscheinung verbirgt sich oft ein friedliches Wesen. Diese Hunde sind mehr als nur große Tiere; sie sind Persönlichkeiten, die ihren Besitzern tiefe Zuneigung entgegenbringen.
Porträts der Rassen: Von der Dogge bis zum Kangal
Um die Vielfalt dieser Kategorie greifbar zu machen, ist eine detaillierte Betrachtung der einzelnen Rassen notwendig. Die nachfolgenden Abschnitte und die Zusammenstellung in der Tabelle bieten einen Überblick über die wichtigsten Vertreter.
Deutsche Dogge
Die Deutsche Dogge gehört ganz unumstritten zu den größten Hunderassen der Welt. Sie wird oft als „Apollo der Hunde“ bezeichnet, eine Anspielung auf den griechischen Sonnengott. Ihre Schulterhöhe reicht von 72 bis 90 cm, das Gewicht beträgt ca. 50 bis 85 kg. Obwohl sie zu den größten Rassen zählen, sind diese hochbeinigen Vierbeiner relativ schlank gebaut im Vergleich zu anderen Molossern. Dennoch wiegen sie aufgrund ihrer Masse beträchtlich. Deutsche Doggen sind für ihr freundliches und ausgeglichenes Temperament bekannt und werden als sanftmütige Begleit- und Familienhunde gehalten.
Kangal (Anatolischer Hirtenhund)
Der Kangal ist ein sehr robuster und massiver Wach- und Hütehund aus der Türkei. Rüden erreichen eine Schulterhöhe von 70 bis 80 cm und wiegen 48 bis 60 kg. Hündinnen sind etwas kleiner mit 70 bis 80 cm bei einem Gewicht von 40 bis 50 kg. In Deutschland ist der Kangal noch nicht sehr verbreitet, was ihn zu einer selteneren Rasse macht. Vor 2018 wurde er noch als Anatolischer Hirtenhund bezeichnet. Der Kangal zählt in den deutschen Bundesländern Hessen und Hamburg als Listenhund, was bedeutet, dass die Haltung bestimmten rechtlichen Auflagen unterliegt. Sie sind extrem eigenständig, mutig und loyale Beschützer ihrer Herde oder Familie. Sie benötigen eine konsequente und sachkundige Führung und sind nicht unbedingt für Anfänger geeignet.
Irischer Wolfshund
Der Irische Wolfshund ist einer der größten Hunde der Welt mit einer Schulterhöhe von 71 bis 85 cm und einem Gewicht von 40,5 bis 80 kg. Er gehört zu den Windhunden und wird als sanftmütiger Riese beschrieben. Historisch wurde diese Rasse ursprünglich im Krieg eingesetzt, um Männer von Pferden und Streitwagen zu ziehen. Auch die Jagd auf Großwild wie Hirsche, Eber und Wölfe war Teil ihrer ursprünglichen Aufgabe.
Bernhardiner
Der Bernhardiner ist eine imposante Rasse, bei der Rüden leicht 70 bis 90 cm Schulterhöhe erreichen. Ihr Charakter ist extrem freundlich, geduldig und gutmütig. Sie sind sehr kinderlieb und eignen sich hervorragend als Familienhunde, sofern sie ausreichend Platz und Bewegung bekommen. Ein bemerkenswerter historischer Fakt ist der berühmte Bernhardiner Barry, der zwischen 1800 und 1814 lebte und über 40 Menschen vor dem Lawinentod rettete. Er gilt als Legende der Rettungsarbeiten in den Alpen.
Leonberger
Der Leonberger ist eine deutsche Rasse, die durch die Kreuzung von Bernhardiner, Neufundländer und Pyrenäenberghund entstand. Mit einer Schulterhöhe von 72 bis 80 cm sind sie beeindruckende Erscheinungen. Ihr Charakter ist freundlich, familientauglich und ausgeglichen. Sie sind gute Schwimmer und lieben es, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Ihre üppige Mähne verleiht ihnen ein löwenähnliches Aussehen.
Komondor
Der Komondor hat ein langes und edles Erbe als Herdenschutzhund aus Ungarn. Die Hündinnen haben eine Schulterhöhe ab 65 cm, die Rüden sollen 70 cm und höher werden. Das Gewicht liegt bei 40 bis 60 kg. Ein Großteil des Körpergewichts besteht aus dem auffälligen weißen Filzfell, unter dem ein sportlich gebauter Hund verbirgt. Die rassetypischen Eigenschaften machen den Komondor zu einem sehr territorialen und wachsamen Vierbeiner. Er gilt als besonnen und ruhig, benötigt aber ein eingezäuntes Grundstück und einen souveränen, vorausschauenden Halter mit Hundeerfahrung.
Kuvasz
Der Kuvasz ist ein großer, weißer Herdenschutzhund aus Ungarn. Er schützt seine Familie und ist Fremden gegenüber misstrauisch. Hunde dieser Rasse denken für sich selbst und können schwierig zu trainieren sein, da sie einen starken Schutzinstinkt bewahren.
Fila Brasileiro
Der Fila Brasileiro wurde vor Jahrhunderten in Brasilien als Großwildjagd- und Arbeitshund entwickelt. Diese großen Hunde können einschüchternd wirken, doch hinter dem Sprichwort „treu wie ein Fila“ verbirgt sich ihre tiefe Loyalität.
Mastino Neapolitano
Die Hunderasse Mastino Neapolitano wurde in Süditalien als Familien- und Wachhund gezüchtet. Er zählt zu den Molossern und Berghunden.
Kaukasischer Owtcharka
Es gibt drei unterschiedliche Owtcharka-Rassen aus Russland, die alle zu den Molossern und Berghunden gehören und als Wach- und Schutzhunde verwendet werden. Der Kaukasische Owtcharka ist dabei der Kleinste unter ihnen, zählt aber dennoch zu den sehr großen Rassen.
Afghanischer Windhund
Wie bereits erwähnt, erreichen große Rüden dieser Rasse die 70 cm Marke. Sie gehören zu den Leichtgewichten und können eine Geschwindigkeit zwischen 60-80 km/h erreichen.
Amerikanischer Akita
Die großen Rüden des American Akita können eine Höhe von über 70 cm erreichen. Doch durchschnittlich zählt der American Akita mit einer Größe von 60-71 cm eher zu den großen und nicht zu den sehr großen Hunderassen. Der American Akita ist ein sehr selbstbewusster und ursprünglicher Hund, der einen starken Jagd- und Schutzinstinkt besitzen kann.
Vergleichstabelle der sehr großen Rassen
Die nachfolgende Tabelle fasst die wesentlichen Daten der wichtigsten sehr großen Rassen zusammen, um einen schnellen Überblick über Schulterhöhe, Gewicht und spezifische Eigenschaften zu ermöglichen.
| Rasse | Typ | Schulterhöhe (Rüde/Hündin) | Gewicht | Charaktereigenschaften |
|---|---|---|---|---|
| Deutsche Dogge | Molosser | 72-90 cm | 50-85 kg | Freundlich, ausgeglichen, sanftmütig |
| Kangal | Herdenschutzhund | 70-80 cm | 48-60 kg (Rüde) | Robust, massiv, territorial, treu |
| Irischer Wolfshund | Windhund | 71-85 cm | 40,5-80 kg | Sanftmütig, historisch als Kampfhund/Jagdhund |
| Bernhardiner | Berghund | 70-90 cm | 40-65 kg | Extrem freundlich, kinderlieb, gerettet viele Menschen |
| Leonberger | Kreuzung | 72-80 cm | Variabel | Freundlich, schwimmt gerne, löwenartige Mähne |
| Komondor | Herdenschutzhund | 65-70+ cm | 40-60 kg | Territorial, besonnen, benötigt viel Erfahrung |
| Kuvasz | Herdenschutzhund | Groß (70+ cm) | Schwer | Misstrauisch, eigenständig, schwer zu trainieren |
| Fila Brasileiro | Arbeitshund | Groß | Sehr schwer | Treu, kann einschüchternd wirken |
| Mastino Neapolitano | Molosser | >70 cm | Schwergewicht | Wachhund, Familienhund, massiv |
| Afghanischer Windhund | Windhund | 63-74 cm | 20-30 kg | Schlank, schnell (60-80 km/h), leichtgewichtig |
| Amerikanischer Akita | Molosser | 60-71 cm | Variabel | Selbstbewusst, starker Jagd- und Schutzinstinkt |
Haltung und Anforderungen
Die Haltung von großen Hunderassen über 70 cm erfordert eine durchdachte Herangehensweise. Diese Hunde sind keine einfachen Hausbewohner für jeden. Die Anforderungen an Platz, Ernährung und Ausbildung sind signifikant höher als bei kleineren Rassen.
Platzbedarf: Sehr große Hunde brauchen ausreichend Bewegung und Platz. Der Komondor wünscht sich beispielsweise ein eingezäuntes Grundstück. Der Leonberger und der Bernhardiner benötigen Freiraum, um ihre Energie abzubauen. Die Deutsche Dogge ist zwar sanftmütig, benötigt aber dennoch regelmäßige Bewegung, um Gelenkproblemen vorzubeugen.
Ernährung: Die Ernährung muss auf das hohe Gewicht und den massiven Bau abgestimmt sein. Bei Hunderassen wie dem Kangal oder dem Mastiff ist eine proteinreiche, kalorienangepasste Diät notwendig, um die Muskulatur zu erhalten, ohne die Gelenke zu überlasten. Das Fellgewicht spielt eine Rolle: Beim Komondor hat das Filzfell einen nicht unerheblichen Anteil am Gewicht, was die Pflege beeinflusst.
Ausbildung und Führung: Besonders bei Schutz- und Wachhunden wie dem Kangal, Kuvasz oder Fila Brasileiro ist eine konsequente und sachkundige Führung unerlässlich. Diese Hunde sind oft eigenständig und misstrauisch gegenüber Fremden. Der Kangal ist nicht unbedingt für Anfänger geeignet. Ein souveräner und vorausschauender Halter ist Voraussetzung. Auch der American Akita und der Kuvasz benötigen erfahrenen Umgang, da sie einen starken Schutzinstinkt besitzen und sich eigenständig bewegen können.
Gesundheitsvorsorge und Pflege
Bei sehr großen Hunderassen ist die Gesundheitsvorsorge ein zentraler Aspekt. Aufgrund ihrer Größe sind sie anfällig für bestimmte Erkrankungen, insbesondere im Bereich der Gelenke und des Herzens.
- Gelenkgesundheit: Der massive Bau von Molossern wie der Deutschen Dogge oder dem Mastiff erfordert eine sorgfältige Fütterung, um Wachstumsstörungen und Hüftgelenksdysplasie vorzubeugen.
- Pflege des Fells: Rassen mit speziellem Fell wie der Komondor (Filz) oder der Leonberger (Mähne) benötigen intensive Pflege. Das Filzfell des Komondors muss nicht gewaschen werden, aber regelmäßig durchgekämmt werden, um Verfilzungen zu vermeiden.
- Thermoregulation: Große Hunde können unter extremen Temperaturen leiden. Der Bernhardiner und der Leonberger sind gut für kühles Klima geeignet, aber im Sommer benötigen sie Schatten und Wasser.
Die Geschichte der Rassen liefert oft Hinweise auf ihre Gesundheit. Der legendäre Bernhardiner Barry zeigt, dass diese Hunde nicht nur groß, sondern auch widerstandsfähig sind. Doch moderne Haltungsbedingungen erfordern eine aktive Überwachung des Gesundheitszustandes.
Fazit
Die Kategorie der sehr großen Hunderassen über 70 cm umfasst eine Vielzahl von Tieren, die durch ihre majestätische Erscheinung und oft überraschend sanften Charakter bestechen. Ob es sich um den schlanken Afghanischen Windhund handelt, der bis zu 80 km/h schnell sein kann, oder um den massiven Kangal, der ein robuster Wächter ist – alle diese Rassen stellen hohe Anforderungen an ihre Besitzer. Sie benötigen Platz, spezifische Ernährung und eine erfahrene, konsequente Führung. Die „sanften Riesen“ sind mehr als nur große Tiere; sie sind treue Begleiter, die eine tiefe Bindung eingehen können. Wer sich für die Haltung einer solchen Rasse entscheidet, muss bereit sein, den speziellen Bedürfnissen nachzulaufen, um ein harmonisches Zusammenleben zu gewährleisten. Die Vielfalt reicht von den eleganten Windhunden bis zu den schweren Molossern, wobei jede Rasse ihre einzigartigen Stärken und Herausforderungen mitbringt.