Der Bordeaux Dogge: Vom Kampfhund zum sensiblen Familienbegleiter

Die Bordeaux Dogge, oft fälschlicherweise als „Belgische Dogge“ bezeichnet, ist eine der ältesten und beeindruckendsten Hunderassen der Welt. Dieser massige, faltige Riese, der ursprünglich als Kampfhund, Jäger und Schutzhund gedient hat, hat eine bewegte Geschichte, die von der Fast-Ausrottung über den Film „Turner und Huutsch“ bis hin zu ihrer heutigen Rolle als liebevoller Familienhund reicht. Obwohl ihr Aussehen einschüchternd wirken mag, verbirgt sich darunter ein sanftmütiger, loyaler Charakter, der nach Körperkontakt und Zuneigung schreit. Für potenzielle Besitzer ist es entscheidend zu verstehen, dass diese Rasse trotz ihrer immensen Kraft eine hohe Reizschwelle besitzt und friedlich gezüchtet wurde.

Die Verwechslung mit einer „belgischen" Rasse ist ein weitverbreiteter Irrtum. Die Bordeaux Dogge hat mit Belgien gar nichts zu tun; ihr Ursprung liegt tief in Frankreich. Sie gehört zur Gruppe der Molosser, spezifisch zur Sektion der Doggenartigen Hunde (FCI-Gruppe 2, Sektion 2.1). Als Nachkomme der alten „Saupacker" und der Alanerhunde, deren Existenz bereits im 14. Jahrhundert in Jagdbüchern dokumentiert wurde, verkörpert sie die Geschichte der Hundezucht von der Wildschweinjagd bis zum modernen Familienbegleiter.

Historische Wurzeln und evolutionärer Wandel

Die Genealogie der Bordeaux Dogge reicht weit zurück. Ihre Ahnen, die im Mittelalter als „Saupacker" bekannt waren, dienten ursprünglich der Wildschweinjagd. Diese Hunde wurden mit anderen kraftvollen Rassen gekreuzt, was die genetische Basis für die moderne Rasse bildete. Ursprünglich wurden sie auf Schärfe und Kampfbereitschaft hin gezüchtet. Die Hunde besaßen eine immense Kraft und mussten im Kampf in der Arena gegen ungleich größere Bullen und Bären antreten. Dies war nicht nur ein Test der Kraft, sondern auch des Mutes.

Mitte des 19. Jahrhunderts war das Verbreitungsgebiet der Rasse auf das südfranzösische Aquitanien und Nordspanien beschränkt. Hier schätzte man sie sowohl als Jagdhund auf Großwild wie Wildschwein als auch als Wach- und Schutzhund. Schlachter und Fleischtransporteure nutzten diese respekteinflößenden Tiere, um ihre wertvolle Ware bei den gefährlichen Überlandfahrten vor wilden Tieren wie Wölfen zu verteidigen. Auch als Viehtreiber und Gutsverwalter waren sie unverzichtbar.

Die Geschichte der Rasse ist jedoch auch von Rückschlägen geprägt. Während der Französischen Revolution 1789 wurde die Rasse fast ausgerottet, da sie als Hund der Wohlhabenden und Aristokraten galt. In den beiden Weltkriegen hatten die Hunde erneut zu leiden, sodass ihr Bestand vom Untergang bedroht war. Die Zucht in Deutschland musste nach 1947 ganz neu aufgebaut werden, nachdem der erste deutsche Bordeaux Doggen Club 1908 gegründet worden war.

Ein Wendepunkt in der Wahrnehmung der Rasse kam durch die Popkultur. Der amerikanische Film „Scott and Huutsch" (bekannt als „Turner und Huutsch" von 1986), in dem eine stürmische Bordeaux Dogge die Wohnung des Polizisten (gespielt von Tom Hanks) auf den Kopf stellt, hat die Sympathie für diese Rasse auch außerhalb Frankreichs gesteigert. Heute zählt auch Weltfußballer Lionel Messi zu ihren Fans. Der Film half, das Bild vom reinen Kampfhund in das eines stürmischen, aber liebenswerten Begleiters umzuwandeln.

Seit den 1960er Jahren erlebte die Rasse einen neuen Aufschwung. Zur Belebung der Rasse sollen kurzhaarige Bernhardiner eingekreuzt worden sein, um die genetische Vielfalt zu erhalten und die Rasse vor dem Aussterben zu bewahren. Die moderne Zucht konzentriert sich heute auf Friedfertigkeit und Anhänglichkeit. Obwohl die Rasse ursprünglich auf Kampftauglichkeit gezüchtet wurde, ist die Bordeaux Dogge heute kein Kampfhund mehr, sondern ein hervorragender Familienhund, der auch für Anfänger geeignet sein kann, sofern der Besitzer die nötige Konsequenz in der Erziehung mitbringt.

Anatomie, Aussehen und rassespezifische Merkmale

Die Bordeaux Dogge wird oft als der Hund mit dem größten Kopf unter allen Hunderassen charakterisiert. Dieser massive Kopf ist das prägnanteste Merkmal der Rasse. Der Kopf ist von einem dicken, eleganten Hals getragen, der mit einem perfekt ausbalancierten, kräftigen Körper verbunden ist. Die Stirn ist reich gefaltet, was dem Hund einen nachdenklichen, skeptischen Blick verleiht. Diese Falten sind nicht nur dekorativ, sondern Teil der Rassenstandards, obwohl sie auch gesundheitliche Herausforderungen mit sich bringen.

Das Fell der Rasse ist kurz und glänzend. Die Farbe ist typischerweise mahagonifarben. Der Standard erlaubt nur wenige Abzeichen. Die Augen sind weit auseinander stehend und von den charakteristischen Falten umrahmt. Die Ohren sind nicht kupiert, sie sind Klappohren, die nach vorne gerichtet sind.

In der modernen Zucht wurde der Kopf dieser Rasse sehr klein gezüchtet, was dazu führt, dass sie zu den sogenannten Qualzuchten zählt und unter einem veränderten Atemwegstrakt leidet. Dies ist ein kritischer Punkt, da die Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) zu Atembeschwerden führen kann.

Die körperlichen Daten der Rasse sind im FCI-Standard festgelegt. Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Merkmale zusammen:

Merkmal Beschreibung
Ursprungsland Frankreich
FCI-Standard-Nr. 116
Widerristhöhe Rüden: 60–68 cm; Hündinnen: 58–66 cm
Gewicht Rüden min. 50 kg; Hündinnen min. 40 kg
Fellfarbe Mahagonifarben, kurze Behaarung
Besonderheit Größter Kopf aller Hunderassen, starke Faltenbildung
Klassifikation FCI-Gruppe 2: Pinscher und Schnauzer – Molosser – Schweizer Sennenhunde

Es ist wichtig zu betonen, dass es eine „Guatemaltekische Dogge" gibt, die früher auch als Guatemaltekischer Bullterrier bekannt war. Obwohl sie dem Fila Brasileiro und dem Dogo Argentino ähnelt, ist sie mit der Bordeaux Dogge nicht verwandt. Ebenso ist der Dogo Argentino eine eigenständige Rasse mit weißem Fell, die zur Jagd auf großes Wild gezüchtet wurde. Diese Unterscheidungen sind wichtig, um die Einzigartigkeit der Bordeaux Dogge zu verstehen, die sich durch ihre spezifische Kopfform und ihre Farbgebung auszeichnet.

Charakter, Sozialisation und Familienleben

Trotz ihres einschüchternden Aussehens ist die Bordeaux Dogge ein sensibles Kraftpaket. Der Charakter dieser Rasse ist geprägt von Sanftmut, Treue und Geduld. Sie ruht in sich und hat ihre Kraft gut unter Kontrolle. Menschen gegenüber ist sie sehr aufgeschlossen und liebt ihre Familie über alles. Die Beziehung zum Besitzer gestaltet sich sehr intensiv. Die Rasse ist ein Prototyp des Schutz- und Wachhundes, der jedoch nicht auf Aggression basiert, sondern auf Wachsamkeit und Schutzinstinkt.

Die soziale Erziehung ist für diese Rasse von höchster Bedeutung. Ein gesunder Welpe aus einer seriösen Zucht ist ein guter Anfang, doch auch die richtige Erziehung, Ernährung und Pflege sind entscheidend. Die Bordeaux Dogge bändigen zu können, erfordert, dass der Besitzer nicht unbedingt sehr lauffreudig sein muss, aber die stürmische Natur des Hundes kontrollieren kann. Da die Rasse oft als „Listenhund" in einigen Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Brandenburg) eingestuft ist, ist die Beachtung der lokalen Gesetze und der Nachweis einer sachgemäßen Erziehung unerlässlich.

Der Film „Turner und Huutsch" hat gezeigt, dass diese Hunde zwar stürmisch sein können, aber tief im Inneren ein süßer, aufrichtiger und liebenswerter Charakter steckt. Sie neigen zu einem hohen Bedarf an Körperkontakt und sehnen sich nach Aufmerksamkeit. Die Rasse wurde in den letzten Jahrzehnten gezielt auf friedliche und sanftmütige Eigenschaften hin gezüchtet, was den Übergang vom Kampfhund zum Familienhund vollzogen hat.

Gesundheit, Pflege und Lebenserwartung

Die Gesundheit der Bordeaux Dogge erfordert besondere Aufmerksamkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei nur fünf bis acht Jahren, was im Vergleich zu anderen Rassen gering ist. Diese kurze Lebensdauer ist teilweise auf die physischen Merkmale der Rasse zurückzuführen, wie die starke Faltenbildung und die Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie).

Gesundheitliche Risiken sind vielfältig und erfordern eine proaktive Haltung: - Gelenkdysplasie: Als große, schwere Rasse neigt der Hund zu Problemen an den Gelenken. - Atemwegserkrankungen: Die veränderte Atemwegstruktur führt zu Atembeschwerden, besonders bei Hitze oder Belastung. - Hautinfektionen und Allergien: Die vielen Falten im Gesicht und am Körper begünstigen das Einlagerung von Schmutz und Feuchtigkeit, was zu Hautentzündungen führen kann. - Atemwegstrakt: Der veränderte Atemwegstrakt ist ein direktes Ergebnis der Zucht auf einen extremen Kopfbauplan.

Die Pflege ist in vielen Aspekten einfach, aber in spezifischen Bereichen aufwendig. Das Fell ist kurz und bedarf nur gelegentlichen Bürstens. Die Augen und die Falten müssen jedoch täglich gereinigt werden, um Infektionen vorzubeugen. Die starke Faltenbildung erfordert eine tägliche Reinigung, da sich darin Feuchtigkeit und Schmutz ansammeln können. Auch die Ohren sollten regelmäßig kontrolliert und gereinigt werden.

Die Ernährung muss an die Größe und den Bewegungsbedarf der Rasse angepasst sein. Da die Hunde oft weniger lauffreudig sind, muss das Futter so zusammengesetzt sein, dass es Übergewicht verhindert. Ein ausgewogenes Futterprofil ist entscheidend, um die Gelenke zu entlasten und das Gewicht im Rahmen zu halten.

Ein wichtiger Aspekt der Gesundheit ist die genetische Vielfalt. Die Zucht nach 1947 musste neu aufgebaut werden, und die Einkreuzung von kurzhaarigen Bernhardinern in den 1960er Jahren half, die Rasse zu beleben. Dennoch bleibt die Lebenserwartung aufgrund der physischen Extremformen begrenzt. Besitzer müssen sich darauf einstellen, dass sie einen Hund mit einer relativ kurzen Lebenszeit haben werden, der jedoch in diesen Jahren eine tiefe Bindung zum Menschen aufbauen kann.

Zuchtstandards, Rechtliche Situation und Rassenverwechslungen

Die Bordeaux Dogge ist eine anerkannte Rasse mit der FCI-Standardnummer 116. Sie fällt unter die FCI-Gruppe 2, Sektion 2.1 (Molosser, Doggenartige Hunde). Die Zucht wird nach strengen Richtlinien durchgeführt, wobei heute Friedfertigkeit und Anhänglichkeit im Vordergrund stehen.

In Deutschland ist die rechtliche Situation komplex. Die Rasse zählt in einigen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Brandenburg zu den Listenhunden. Dies bedeutet, dass spezifische Anforderungen an die Haltung, wie etwa ein Nachweis der Sachkunde oder ein Verbotsverfügung für bestimmte Bereiche, bestehen können. Es ist wichtig, dass potenzielle Besitzer die lokalen Gesetze sorgfältig prüfen, da die Einstufung als „möglicherweise gefährlich" die Haltung bedingt.

Es ist entscheidend, auf Verwechslungen hinzuweisen. Oft wird die Bordeaux Dogge fälschlicherweise als „Belgische Dogge" bezeichnet. Die Rasse hat mit Belgien nichts zu tun; ihre Wurzeln liegen ausschließlich in Frankreich. Es gibt auch die Guatemaltekische Dogge, die oft mit dem Dogo Argentino verwechselt wird, obwohl sie genetisch nicht verwandt ist. Ebenso ist der Dogo Argentino eine separate Rasse mit spezifischen Merkmalen wie vollständig weißem Fell. Diese Unterscheidungen sind wichtig für die korrekte Identifizierung und das Verständnis der Rasse.

Die Zuchtgeschichte zeigt, wie die Rasse durch politische und kriegsbedingte Ereignisse fast ausstarb und erst durch die Zucht von 1960er Jahren wiederbelebt wurde. Die heutige Zucht konzentriert sich stark auf die Erhaltung der Rasse durch kontrollierte Paarungen, um die genetische Gesundheit zu sichern.

Fazit

Die Bordeaux Dogge ist mehr als nur ein massiger Wächter. Sie ist ein sensibles, sanftmütiges Wesen mit einer bewegten Geschichte, die von der Jagd auf Wildschweine über die Rolle als Kampfhund bis hin zum modernen Familienhund führt. Trotz ihrer kurzen Lebenserwartung und gesundheitlicher Herausforderungen wie Brachyzephalie und Gelenkproblemen bietet sie eine tiefe emotionale Bindung und eine unvergleichliche Treue.

Für den Züchter und den künftigen Besitzer bedeutet dies: Die Wahl eines Bordeaux Dogge ist eine Entscheidung, die Herz und Verstand erfordert. Die Rasse verlangt nach konsequenter, aber liebevoller Erziehung. Sie ist kein Hund für jeden, da sie spezifische Bedürfnisse an Pflege, Raum und gesetzliche Rahmenbedingungen mit sich bringt. Doch wer die Rasse versteht, findet einen Partner, der seine Familie über alles liebt und als wacher, aber friedlicher Begleiter durch das Leben führt.

Die Geschichte der Rasse ist ein Zeugnis der menschlichen Beziehung zum Hund – von der Notwendigkeit des Schutzes und der Jagd hin zur reinen Zuneigung und dem Wunsch nach einem treuen Freund. Die Bordeaux Dogge, mit ihrem einzigartigen Aussehen und dem größten Kopf unter allen Hunderassen, bleibt ein faszinierendes Beispiel für die Evolution der Hundezucht.

Quellen

  1. HundeKumpel – Doggenarten
  2. Hunde-Fan – Bordeaux Dogge
  3. ZooPlus – Magazin
  4. Bordeaux Dogge e.V.
  5. Fressnapf – Magazin
  6. ZooRoyal – Magazin

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