Die Welt der Hunderassen ist geprägt von ständiger Weiterentwicklung und Anpassung an menschliche Bedürfnisse. Während die klassische Englische Bulldogge im Laufe der Jahre zu einem Symbol der britischen Kultur wurde, entwickelte sich in den USA eine Gegenbewegung, die den ursprünglichen, gesünderen Ursprung der Rasse wiederherstellen wollte. Die Olde English Bulldogge (OEB) ist das Ergebnis dieses Bestrebens. Sie repräsentiert einen Rückgang zu den Funktionen der Vorzeiten, entfernt sich jedoch bewusst von den gesundheitlichen Extremen, die die moderne Englische Bulldogge prägen. Dieser Artikel bietet einen tiefgehenden Einblick in die Geschichte, die physischen Merkmale, das Temperament und die spezifischen Pflegeanforderungen dieser faszinierenden Rasse.
Historische Wurzeln und das Zuchtziel
Um die Olde English Bulldogge wirklich zu verstehen, muss man ihren historischen Kontext betrachten. Die ursprüngliche Funktion der Bulldogge bestand im 16. und 17. Jahrhundert darin, ausgewachsene Rinder zu bekämpfen. Um die Hörner der Rinder zu umgehen, war eine niedrige Widerristhöhe für die Hunde von entscheidender Bedeutung. Die Tiere biss den Gegnern in die Nüstern, um sie zu Fall zu bringen. Diese Geschichte bildet das Fundament, auf dem die OEB aufbaut, jedoch mit einer modernen, gesünderen Wendung.
Das Zuchtziel der Olde English Bulldogge ist klar definiert: Schaffung eines gesünderen, ursprünglicheren Hundes, der frei von den typischen Atemnot-Symptomen der Englischen Bulldogge ist. Der Erfinder dieser Rasse, der US-amerikanische Züchter David Leavitt, war mit den gesundheitlichen Problemen und der geringen Fruchtbarkeit seiner Englischen Bulldoggen unzufrieden. Im Jahr 1971 begann er ein eigenständiges Zuchtprogramm. Als Vorlage dienten ihm Bilder von Hunden aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, lange bevor die Rasse zu den heutigen extremen Züchtungseigenschaften kam.
Leavitt kreuzte die Englische Bulldogge gezielt mit anderen Rassen, um die gewünschten Eigenschaften zu erhalten. Als Zuchtgrundlage wählte er den American Bulldog und den Bullmastiff. Diese Kreuzung sollte die ursprünglichen Eigenschaften der Bulldogge wiederherstellen, aber ohne die schweren Gesundheitsbelastungen. Das Ergebnis ist ein Hund, der den Namen "Olde English Bulldogge" trägt, sich aber in der Praxis stark von der modernen Englischen Bulldogge unterscheidet. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um eine FCI-erkannte Rasse handelt, sondern um eine Zuchtrichtung, die primär in den USA entwickelt wurde und erst später auch in anderen Regionen verbreitet ist.
Physische Merkmale und Körperformen
Das Erscheinungsbild der Olde English Bulldogge ist ein faszinierender Mix aus Kraft und Bewegungsfreiheit. Im Gegensatz zur Englischen Bulldogge, die oft als träger Hund im Körper erscheint, wirkt die OEB als athletisches Kraftpaket. Der Körperbau ist kompakt, muskulös und harmonisch proportioniert.
Ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal ist das Kopf- und Gesichtsprofil. Während die Englische Bulldogge eine extrem kurze Schnauze (Brachyzephalie) besitzt, die zu Atemproblemen führt, hat die Olde English Bulldogge eine deutlich längere Schnauze. Dies ermöglicht eine freiere Atmung und eliminiert die typische Atemnot. Der Schädel ist eckiger und weniger rund, mit einem eher länglichen Aufbau. Die Wangenmuskulatur ist ausgeprägt, verleiht dem Hund einen markanten, aber weniger übertriebenen Ausdruck. Die Ohren sind mittelgroß, leicht abgerundet und werden je nach Stimmung entweder aufmerksam nach vorne oder entspannt zur Seite getragen. Die Rute ist mittellang, wird meist gerade oder leicht gebogen getragen und ist frei von den typischen "Kopfbildern" der modernen englischen Variante.
Die Hautfaltung ist ein weiterer wesentlicher Unterschied. Während die Englische Bulldogge für ihre üppigen Falten bekannt ist, weist die Olde English Bulldogge fast keine Falten auf, mit Ausnahme des Nackens. Das Fell ist kurz, dicht und glatt anliegend, was die muskulösen Konturen des Körpers betont. Die Fellfarben sind vielfältig; alle Farben sind erlaubt, außer Schwarz, Blau und Albino. Häufig kommen Kombinationen aus Weiß, Braun, Rot und gestromten Mustern vor.
Die Körpergrößen variieren je nach Quelle leicht, was auf die noch nicht standardisierte Natur der Rasse zurückzuführen ist. Die durchschnittlichen Werte lassen sich wie folgt zusammenfassen:
| Geschlecht | Widerristhöhe | Gewicht |
|---|---|---|
| Rüden | 45 – 55 cm | 30 – 35 kg |
| Hündinnen | 40 – 50 cm | 22 – 32 kg |
Es ist wichtig zu notieren, dass einige Quellen eine durchschnittliche Höhe von 28 cm nennen, was historisch auf die ursprünglichen Kampfhunde zurückgeht, doch die modernen Nachkommen sind deutlich größer und beweglicher. Der allgemeine Eindruck ist der eines stämmigen, athletischen Tieres, das sowohl Kraft als auch Agilität vereint.
Wesen, Charakter und Sozialverhalten
Der Charakter der Olde English Bulldogge ist vielschichtig und faszinierend. Sie sind freundliche, intelligente und anhängliche Hunde, die eine tiefe Bindung zu ihrer Familie aufbauen. Ihr Wesen wird oft als "überschwänglich" beschrieben, was manchmal als rüpelhaft gegenüber Artgenossen oder Menschen empfunden werden kann. Dies liegt nicht an Aggressivität, sondern an einer hohen Energie und einem lebhaften Temperament.
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, dass Bulldogs generell aggressiv sind. Bei der Olde English Bulldogge stellt sich dies im Alltag nur selten so heraus. Sie zeigen sich als treue Begleiter und Familienhunde, die mit Kindern und anderen Haustieren gut auskommen. Die Rasse ist jedoch nicht einfach "leichte" Hunderassen. Sie benötigen viel Förderung, Forderung und eine konsequente, liebevolle Erziehung.
Die Intelligenz der OEB ist hoch, und sie besitzen eine schnelle Auffassungsgabe. Langweilen sie sich, neigen sie dazu, eigene Entscheidungen zu treffen und sich selbst eine Beschäftigung zu suchen. Dies kann jedoch selten im Interesse des Halters sein, weshalb eine starke Führung durch einen erfahrenen Begleiter unerlässlich ist. Trotz ihrer Eigensinnigkeit zeigen sie kein rebellisches Verhalten, sondern sind bereit zu lernen, wenn die Führung klar ist.
Das Sozialverhalten gegenüber Fremden ist wachsam und zunächst zurückhaltend. Sie treten nicht aggressiv auf, aber sie sind misstrauisch. Als Familienhund sind sie jedoch ein echtes Energiebündel mit Herz. Sie sind lebhaft, neugierig und lieben Zerrspiele, was ihre Vorliebe für aktive Beschäftigung unterstreicht.
Gesundheitszustand und Krankheitsprävention
Die Gesundheit der Olde English Bulldogge ist das Kernstück ihrer Zuchtphilosophie. Das Hauptziel war die Beseitigung der gesundheitlichen Probleme der Englischen Bulldogge, insbesondere der Atemnot durch die kurze Schnauze. Die Olde English Bulldogge kann sich daher frei austoben, ohne Anzeichen von Atemnot zu zeigen. Dies macht sie zu einem deutlich gesünderen Tier im Vergleich zu ihrem Verwandten.
Dennoch ist die Rasse nicht frei von potenziellen Gesundheitsrisiken. Aufgrund des hohen Bewegungsdrangs besteht die Gefahr für Kreuzbandrisse oder eine Hüftgelenksdysplasie. Diese Erkrankungen sind typisch für kräftige, aktive Hunde, die oft über ihre Belastungsgrenzen gehen. Die Lebenserwartung liegt zwischen 9 und 14 Jahren, was im Vergleich zur Englischen Bulldogge oft höher ist.
Trotz der Rückzüchtung können bei der OEB immer noch Allergien und andere typische Rassemerkmale auftreten. Die Haut ist jedoch meist ohne die tiefen Falten, die bei der Englischen Bulldogge zu Hautentzündungen führen. Die längere Schnauze reduziert das Risiko von Hitzeschäden und Atmungsbeschwerden signifikant.
Ein wichtiger Aspekt ist die Fruchtbarkeit. David Leavitt war mit der geringen Fruchtbarkeit der Englischen Bulldogge unzufrieden. Durch die Kreuzung mit American Bulldog und Bullmastiff wurde die Reproduktionsfähigkeit verbessert. Dies ist ein weiterer Vorteil der OEB-Zucht.
Haltung, Erziehung und Sozialisierung
Die Haltung einer Olde English Bulldogge erfordert Zeit, Geduld und Wissen. Sie ist kein Hund für Menschen, die einen passiven Begleiter suchen. Die Rasse ist ein "Wirbelwind", der viel Zeit benötigt. Langeweile führt dazu, dass der Hund eigene, oft unkontrollierbare Tätigkeiten unternimmt. Daher ist eine konsequente Erziehung unabdingbar.
Die Erziehung muss früh beginnen und auf Positivem basiert sein. Die Hunde sind intelligent, aber eigensinnig. Sie benötigen eine starke Führung, die keine Angst vor dem Hund macht, aber ihn nicht unterdrückt. Sozialisierung ist entscheidend, um sicherzustellen, dass der Hund in verschiedenen Umgebungen sicher und sozial angemessen agiert. Da die OEB keine Listenhund ist, gibt es weniger rechtliche Restriktionen, aber die Verantwortung liegt vollständig beim Halter.
Als Familienhund ist die Olde English Bulldogge hervorragend geeignet. Sie ist liebevoll, treu und geduldig mit Kindern. Allerdings muss man ihre Größe und Kraft respektieren; ein verspieler OEB kann ein kleines Kind versehentlich umwerfen. Die Erziehung muss daher auch die Impulskontrolle des Hundes betonen.
Aktivitäten und Beschäftigung
Aufgrund ihrer athletischen Veranlagung ist die Olde English Bulldogge für eine Vielzahl von Aktivitäten geeignet. Sie lieben Zerrspiele, was ihre natürliche Freude am Spiel unterstreicht. Der hohe Bewegungsdrang erfordert regelmäßige Spaziergänge, Spielzeiten und geistige Stimulation. Im Gegensatz zur Englischen Bulldogge, die sich schwer bewegt, ist die OEB beweglich und ausdauernd.
Sportarten wie Flogenball oder Agility können den hohen Energiebedarf stillen. Wichtig ist jedoch, die Belastungsgrenze nicht zu überschreiten, um die Gefahr von Kreuzbandrissen oder Hüftdysplasie zu minimieren. Gezieltes Training, das die Muskulatur stärkt, ohne die Gelenke zu überlasten, ist der Schlüssel zu einem gesunden Leben.
Ernährung und Pflege
Die Ernährung der Olde English Bulldogge sollte dem hohen Aktivitätsniveau und dem muskulösen Bau angepasst sein. Da sie aktiver sind als die Englische Bulldogge, benötigen sie eine hochwertige, proteinreiche Ernährung, die die Muskulatur unterstützt. Die Pflege ist vergleichsweise einfach, da das Fell kurz und glatt ist. Ein wöchentliches Bürsten reicht aus, um das Fell gesund und glänzend zu halten. Die Hautfalten sind minimal, was die Hygiene erleichtert.
Kauf und Zuchtwahl
Wer einen Old English Bulldog kaufen möchte, sollte sich unbedingt an eine seriöse Zucht wenden. Dies ist entscheidend, um typische Krankheiten und Missstände zu vermeiden. Da die Rasse nicht von der FCI anerkannt ist, gibt es keine zentralisierten Standards. Die Suche nach einem Welpen erfordert daher besondere Sorgfalt. Es ist wichtig, Züchter zu finden, die sich auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Hunde konzentrieren und nicht auf das Aussehen allein.
Die Herkunft der Rasse aus den USA bedeutet, dass viele seriöse Züchter in Deutschland oder Europa möglicherweise noch schwerer zu finden sind. Dennoch gibt es Züchter, die sich auf die Rückzüchtung spezialisieren. Beim Kauf sollte auf die Gesundheit der Elternhunde geachtet werden, insbesondere auf Hüftgelenksuntersuchungen und Atemwegsgesundheit.
Fazit
Die Olde English Bulldogge ist mehr als nur eine Variation der Englischen Bulldogge. Sie repräsentiert eine bewusste Rückkehr zu den Ursprüngen, bei der Gesundheit und Funktionalität im Vordergrund stehen. Mit ihrer längeren Schnauze, ihrem athletischen Körperbau und ihrem freundlichen, aber eigensinnigen Wesen bietet sie eine einzigartige Alternative für Familien, die einen aktiven, gesunden und treuen Begleiter suchen. Die Rasse ist kein passiver Sofa-Hund, sondern ein aktiver Familienpartner, der eine konsequente Erziehung und viel Bewegung benötigt. Wer die Zeit und die Führung bereitstellt, wird in der Olde English Bulldogge einen unvergesslichen Begleiter finden, der mit seinem Herz, seiner Intelligenz und seiner Treue überzeugt.
Quellen
- Bully Club: Old English Bulldog – Edel, treu und ein echter Familienfreund
- Fressnapf Magazin: Old English Bulldog Rassenportrait
- Hundeo: Olde English Bulldogge Informationen
- Zooplus Magazin: Olde English Bulldogge Rassenportrait
- Happy Hunde: Old English Bulldog – Alles was man wissen muss
- Tierische Helden: Old English Bulldog Rassenportrait