Jenseits von Gehorsam: Warum die vermeintlich „dümmsten" Hunderassen oft das größte Denken besitzen

Die Debatte um die Intelligenz von Hunden ist so alt wie die Domestikation selbst. Doch was bedeutet es tatsächlich, einen Hund als „dumm" zu bezeichnen? Die gängigen Ranglisten, die oft auf den Studien des Verhaltensforschers Stanley Coren basieren, messen primär die Fähigkeit eines Tieres, menschliche Befehle schnell und zuverlässig auszuführen. Eine niedrige Platzierung in diesen Listen bedeutet also nicht mangelnde geistige Kapazität, sondern vielmehr einen hohen Grad an Eigenständigkeit und Selbstständigkeit. Viele der Rassen, die auf den hinteren Plätzen der Intelligenzrangliste zu finden sind, sind keine „Kleinhirne", sondern Tiere mit einem starken eigenen Willen, die nur dann gehorchen, wenn sie den Befehl für nützlich halten. Diese Eigenständigkeit wird in der menschlichen Wahrnehmung oft fälschlicherweise mit Dummheit gleichgesetzt. Der Shih Tzu, der Basenji oder der Afghanische Windhund sind Beispiele für Hunde, die nicht als reine Arbeitstiere für den Menschen gezüchtet wurden, sondern als Begleiter mit eigenem Charakter.

Um die Thematik der vermeintlich „dümmsten" Hunderassen wirklich zu verstehen, ist es unerlässlich, die Kriterien der Messung zu hinterfragen. Wenn ein Hund nur in 30 Prozent der Fälle auf den ersten Befehl reagiert, ist dies kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern von kritischem Denken. Ein Hund, der eigenständig entscheidet, ob ein Befehl sinnvoll ist, steht im Konflikt mit einem Trainingssystem, das blinden Gehorsam voraussetzt. Diese Nuance ist entscheidend für jeden, der eine der aufgeführten Rassen ins Haus holen möchte.

Die Mythos der „dümmsten" Hunderassen: Eine Analyse der Top 5

Wenn man die Rangliste der „dümmsten" Hunde betrachtet, stößt man auf eine faszierende Bandbreite an Charaktereigenschaften. Diese fünf Rassen stehen am unteren Ende der Skala, gemessen an Gehorsamkeit und Lerngeschwindigkeit.

Der Afghanische Windhund nimmt den ersten Platz der „dümmsten" ein. Dies liegt weniger an mangelnder geistiger Kapazität als an seiner Natur als Einzelgänger. Er gilt als schwer erziehbar, weil er eigenwillig ist und eigene Interessen verfolgt. Für Halter bedeutet dies, dass sie über außergewöhnliche Geduld verfügen müssen. Der Afghanische Windhund ist nicht dumm; er ist zu intelligent, um blinden Befehlen zu folgen. Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal argumentiert, dass diese Rasse oft zu intelligent ist, als dass sie die Befehle des Menschen ausführen würde. Er denkt selbst und bewertet Situationen eigenständig.

Platz 2 geht an den Basenji. Diese Rasse ist ein echter Dickkopf. Sie ist bekannt für ihr starkes Temperament und den Bedarf an viel Auslauf. Der Basenji, der ursprünglich mit indigenen Völkern im afrikanischen Busch als Jagdhund lebte, folgt nicht jedem Befehl sofort, wenn er ihn für sinnlos hält. Unter Kennern punktet die Rasse jedoch mit ihrer hypoallergenen Eigenschaft und ihrem sanften, treuen Charakter. Seine Sturheit ist eine direkte Folge seiner unabhängigen Natur. Für eine erfolgreiche Erziehung sind erfahrene Halter notwendig, die viel Geduld mitbringen.

Die Englische Bulldogge belegt den dritten Platz. Aus ihrem Körperbau und ihrer Schnauze ist die Herkunft als Kampfhund deutlich erkennbar. Obwohl sie oft ruhig und gemütlich wirken, können sie schnell zu aggressiven Rowdys werden, wenn sie gereizt werden oder sich angegriffen fühlen. Dies zeigt, dass ihr Verhalten nicht aus Dummheit, sondern aus Instinkt und Selbstverteidigung resultiert.

Platz 4 nimmt der Chow Chow ein. Diese Rasse gehört zur Familie der asiatischen Spitze. Charakteristisch sind die blaue Zunge und die blaugefärbten Lefzen. Chow Chows gelten als ruhig und treu, werden aber als nicht besonders intelligent eingestuft, weil sie nicht gerne gehorchen. Sie sind treue Begleiter, die aber ihren eigenen Willen haben. Die Rasse ist eine der ältesten der Welt, mit einer nachweislichen Geschichte, die weit über 1000 Jahre zurückreicht und sie als „Hunde des Urtyps" kennzeichnet.

Den fünften Platz der „dümmsten" Rassen belegt der Borsoi, auch Russischer Windhund genannt. In seiner Heimat Russland wurde er ursprünglich bei der Zobel- und Fuchsjagd eingesetzt. Er gilt als liebenswerter Begleiter, steht aber im Ranking hinter anderen Rassen zurück.

Von der Jagd zur Eigenständigkeit: Der Einfluss der Herkunft

Ein auffälliges Muster unter den vermeintlich „dümmsten" Rassen ist, dass drei davon hervorragende Jagdhunde sind. Dies ist kein Zufall. Hunde, die für die Jagd oder die Eigenständigkeit gezüchtet wurden, besitzen oft eine hohe Intelligenz, die jedoch nicht im Gehorsam zum Menschen, sondern in der Fähigkeit liegt, Probleme eigenständig zu lösen.

Der Basset Hound stammt von einer alten, französischen Hunderasse ab und verfügt über einen außergewöhnlich guten Geruchssinn. Er wurde ursprünglich zum Aufstöbern von Niederwild und zum Fährtenlesen gezüchtet. Der Basset ist bei seiner Arbeit als Spürhund nicht schnell, aber ausdauernd über lange Zeit und lange Strecken. Hat er einmal eine Fährte in der Nase, ist er mehr oder weniger nicht mehr abrufbar und macht sein eigenes Ding. Dies führt dazu, dass er im Ranking der Intelligenz nur schlechte Werte aufweist, da er Befehle ignoriert, wenn seine eigene Nase sagt, dass die Fährte wichtiger ist als das Kommando. Seine Spürnasen sind so empfindlich, dass sie Fährten auch nach mehreren Tagen erschnüffeln können. Dies erfordert einen erfahrenen Hundeführer. Bei entsprechender Haltung wird sich der Bloodhound (oft mit dem Basset verwechselt oder in ähnlichem Kontext genannt) seinen Besitzern gegenüber als empfindsam und treu erweisen.

Der Beagle hat ein ähnliches Profil wie der Basset. Er gilt als starrköpfig und leicht abzulenken, was eine stressfreie Erziehung erschwert. Als Jagdhund reagiert er sehr sensibel auf Gerüche, was zu einer schlechten Voraussetzung für das schnelle Erfüllen von Befehlen führt.

Der Shih Tzu hat eine ebenso interessante Geschichte. Er wurde einst in den Klöstern Tibets gezüchtet, ursprünglich zusammen mit großen Herdenschutzhunden zur Bewachung der Nutztiere. Aufgrund seines hervorragenden Gehörs schlugen die Shih Tzus Alarm, wenn sie Geräusche von Bären oder Wölfen hörten und wiegelten die großen Hunde als Räumkommando auf. Später fand er den Weg als Haushund in die Gesellschaft. Aufgrund seines Ursprungs und seines eigenständigen Wesens erfüllt er im Durchschnitt nur rund 30 Prozent der ihm erteilten Befehle. Dies führt dazu, dass er als besonders „dumm" eingestuft wird, obwohl seine Fähigkeit, eigenständig zu handeln, genau das war, was ihn in seiner ursprünglichen Rolle so wertvoll machte. Die Geschichte des Shih Tzu ist abenteuerlich: In Tibet hielten die tibetischen Mönche die Hunderasse bereits ab dem 7. Jahrhundert als Tempelhunde. In den USA und Großbritannien werden Shih Tzus sogar erfolgreich als Therapiehunde eingesetzt, was ihre Eigenschaft als sanfte, fröhliche und verspielte Tiere unterstreicht.

Die Wissenschaftliche Grundlage: Was misst eine Intelligenzrangliste?

Die Bewertung der „dümmsten" Hunde basiert auf Studien, die die Anzahl der Wiederholungen zählen, die nötig sind, um einen neuen Befehl zu erlernen. Ab dem 70. Platz in der Rangliste waren bis zu 100 Trainingsdurchgänge notwendig, um dem Hund ein neues Kommando beizubringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein neu gelerntes Kommando beim ersten Mal richtig ausgeführt wird, liegt unter 20 Prozent.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Rangliste vor allem die Gehorsamsintelligenz misst. Die Fähigkeit eines Hundes, einen Befehl auszuführen, hängt stark von der Rasse und ihrer Zuchtgeschichte ab. Rassen, die als „dumm" abgestempelt werden, sind oft Tiere, die eigenständig denken, handeln und Probleme lösen können. Diese Art von Intelligenz wird in den Standardtests oft übersehen oder fälschlicherweise als Mangel gewertet.

Die „dümmsten" Hunde sind also nicht an der Intelligenz gemessen, die es ermöglicht, Probleme zu lösen, sondern an der Fähigkeit, dem Menschen blind zu gehorchen. Ein Hund, der einen Befehl nur ausführt, wenn er es für sinnvoll hält, ist intelligent, aber nicht gehorsam. Dies wird oft als Dummheit fehlinterpretiert.

Vergleichsübersicht: Die Top 5 vermeintlich „dümmsten" Rassen

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der aufgeführten Rassen besser zu verstehen, bietet sich eine strukturierte Gegenüberstellung an. Die folgenden Punkte fassen die zentralen Eigenschaften und die Gründe für ihre Einstufung zusammen.

Rasse Rang im „Dummheits"-Ranking Hauptursache für die Einstufung Charakteristische Merkmale
Afghanischer Windhund 1. Platz Eigenwilligkeit, Einzelgänger-Natur Zu intelligent für blinden Gehorsam; benötigt viel Geduld beim Training
Basenji 2. Platz Sturheit, starkes Temperament Hypoallergen, treu, eigenständig denkend; folgt nur sinnvollen Befehlen
Englische Bulldogge 3. Platz Schnelle Aggressivität bei Reizung Ruhig, aber potenziell aggressiv; Herkunft als Kampfhund
Chow Chow 4. Platz Widerstand gegen Befehle Blauer Zunge, 1000+ Jahre alt, Urtyp, sanft aber stur
Borsoi 5. Platz Langsame Reaktion, Eigenständigkeit Liebenswerter Begleiter, ursprünglich Zobel-/Fuchsjagd
Shih Tzu 70. Rang Nur 30% Befehle ausgeführt Eigensinnig, arrogant, aus Tibet stammend, früher Tempelhund
Basset Hound 71. Rang Durch Geruch leicht abzulenken Langsam, phlegmatisch, hervorragende Nase
Mastiff 72. Rang Sehr entspannte Reaktionszeit Zu entspannt, langsame Reaktionszeit
Beagle 72. Rang Starrköpfigkeit, Ablenkbarkeit durch Geruch Jagdhund, leicht abzulenken

Hinweis: Die Rangzahlen (70, 71, 72) beziehen sich auf die Gesamtrangliste von Stanley Coren, wo diese Rassen im unteren Drittel liegen. Die obigen Top 5 sind eine Zusammenfassung der häufig genannten „dümmsten" Rassen in der Medienberichterstattung.

Die Rolle des Besitzers und der Erziehungsherausforderungen

Die Haltung einer dieser Rassen stellt spezifische Anforderungen an den Besitzer. Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass diese Hunde keine Lernfähigkeit besitzen. Tatsächlich benötigen sie oft bis zu 100 Wiederholungen, um einen neuen Befehl zu lernen, und selbst dann folgt der Hund nur, wenn er es will. Dies ist kein Zeichen von Dummheit, sondern von einer starken Persönlichkeit.

Ein Halter eines Afghanischen Windhundes oder eines Basenji muss bereit sein, Geduld zu haben und dem Hund Raum für eigenständiges Denken zu lassen. Ein Versuch, diese Hunde mit harter Disziplin oder ständiger Wiederholung zu zähmen, führt oft zu Frustration bei Mensch und Tier. Der Hund lehnt Befehle ab, die ihm sinnlos erscheinen.

Bei der Englischen Bulldogge ist Vorsicht geboten. Obwohl sie oft gemütlich wirken, können sie schnell zu aggressiven Rowdys werden, wenn sie gereizt werden oder sich bedroht fühlen. Dies erfordert einen Besitzer, der den Hund versteht und weiß, wann er aufhört zu drängen.

Auch der Shih Tzu, der Shih Tzu wurde in Tibet als Alarmhund gezüchtet und besitzt ein hervorragendes Gehör. Er wiegelt andere Hunde auf und schlagt Alarm. Diese Eigenständigkeit führt dazu, dass er nur ca. 30% der Befehle ausführt. Dennoch ist er ein fröhlicher und verspielter Begleiter, der auch als Therapiehund eingesetzt wird.

Der Basset und der Beagle sind klassische Beispiele für Jagdhunde, deren Geruchssinn so stark ist, dass sie sich leicht ablenken lassen. Ein Basset, der eine Fährte hat, ist nicht mehr abrufbar. Ein erfahrener Führer ist notwendig, um sie im Gelände zu behalten.

Fazit

Die Bezeichnung der „dümmsten" Hunderassen ist irreführend. Sie basiert auf einem Maßstab, der den blinden Gehorsam in den Vordergrund stellt und die Fähigkeit zum eigenständigen Denken als Defizit einstuft. Tiere wie der Afghanische Windhund, der Basenji oder der Shih Tzu sind nicht dumm; sie sind unabhängig, eigenwillig und besitzen eine eigene Art der Intelligenz, die auf Problemlösung und Urteilsvermögen abzielt. Für den zukünftigen Halter bedeutet dies: Wenn man eine dieser Rassen wählt, benötigt man Geduld, Respekt vor der Eigenständigkeit des Tieres und die Bereitschaft, die Kommunikation neu zu definieren. Es geht nicht darum, den Hund zu zwingen, sondern darum, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die vermeintlich „dümmsten" Hunde sind oft diejenige mit dem größten Selbstbewusstsein und der stärksten Persönlichkeit. Sie sind keine „Kleinhirne", sondern Partner, die ihre eigene Meinung haben.

Die historische und funktionale Herkunft dieser Hunde – ob als Jagdhund, Wachhund oder Begleittier – erklärt ihre Verhalten. Ein Hund, der jahrhundertelang eigenständig Fährten verfolgt hat, wird nicht blind auf ein Wort reagieren, wenn seine Sinne etwas Besseres bieten. Die Aufgabe des Besitzers ist es, diese Eigenständigkeit zu nutzen und in ein positives Training einfließen zu lassen, statt sie als Mangel zu betrachten.

Quellen

  1. RTL - Die 5 klügsten und 5 dümmsten Hunderassen
  2. Landtiere.de - Befehl, Kommando, Vorurteil: Intelligenz bei Hunden
  3. Infranken.de - Basset, Beagle oder Bulldogge: Die 10 dümmsten Hunderassen
  4. Welt der Wunder - Das sind die dümmsten Hunde der Welt
  5. Diffus - The Wombats über die Top 5 dümmsten Hunderassen

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